Theodor W. Adorno:
Heideknabe
Aus:
Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Ffm., 1970, S. 213ff
Heideknabe.
- Was man ohne realen Grund, scheinbar von fixen Ideen besessen, am meisten fürchtet,
hat den schnöden Hang, Ereignis zu werden. Die Frage, die man um keinen Preis
hören möchte, bringt ein Subalterner mit perfid freundlicher Teilnahme vor; die
Person, von der man die Geliebte am ängstlichsten fernzuhalten wünscht, wird
diese, und wäre es über dreitausend Meilen Entfernung, dank wohlmeinender
Empfehlungen gewiß einladen und jene Art von Bekanntschaften herbeiführen, von
denen die Gefahr droht. Es steht dahin, wieweit man selber solche Schrecken
fördert; ob man etwa jene Frage durchs allzu eifrige Verschweigen dem Hämischen
auf die Zunge legt; ob man den fatalen Kontakt provoziert, indem man in albern
destruktivem Vertrauen den Vermittler bittet, nicht vermitteln zu wollen.
Psychologie weiß, daß, wer das Unheil sich ausmalt, es irgend auch will. Wieso
aber kommt es so eifrig ihm entgegen? Auf die paranoide Phantasie spricht etwas
in der Realität an, die von jener verbogen wird. Der latente Sadismus aller
errät untrüglich die latente Schwäche aller. Und die Verfolgungsphantasie
steckt an: wann immer sie begegnet, sind Zuschauer unwiderstehlich dazu
getrieben, sie nachzuahmen. Das gelingt am leichtesten, wenn man ihr zum Recht
verhilft, indem man das vom anderen Gefürchtete tut. »Ein Narr macht viele« —
die abgründige Einsamkeit des Wahns hat eine Tendenz zur Kollektivierung, die
das Wahnbild ins Leben zitiert. Dieser pathische Mechanismus harmoniert mit dem
heute bestimmenden sozialen, daß die zur verzweifelten Isolierung
Vergesellschafteten nach Miteinandersein hungern und zu kalten Haufen sich
zusammenrotten. So wird Narrheit epidemisch: die irren Sekten wachsen nach dem
gleichen Rhythmus wie die großen Organisationen. Es ist der der totalen
Zerstörung. Die Erfüllung der Verfolgungsphantasien rührt her von ihrer
Affinität zum blutigen Wesen. Gewalt, auf der Zivilisation basiert, meint
Verfolgung aller durch alle, und der Verfolgungswahnsinnige bringt sich in
Nachteil bloß, indem er dem Nächsten zuschiebt, was vom Ganzen angerichtet
wird, im hilflosen Versuch, die Inkommensurabilität kommensurabel zu machen. Er
verbrennt, weil er unmittelbar, gleichsam mit bloßen Händen, den objektiven
Wahn greifen möchte, dem er gleicht, während das Absurde selber gerade in der
vollendeten Mittelbarkeit besteht. Er fällt als Opfer für den Fortbestand des Verblendungszusammenhangs.
Noch die schlimmste und unsinnigste Vorstellung von Ereignissen, die wildeste
Projektion enthält die bewußtlose Anstrengung des Bewußtseins, das tödliche
Gesetz zu erkennen, kraft dessen die Gesellschaft ihr Leben perpetuiert. Die
Aberration ist eigentlich nur der Kurzschluß der Anpassung: die offene Narretei
des einen ruft irrtümlich im anderen die Narretei des Ganzen beim richtigen
Namen, und der Paranoiker ist das Spottbild des richtigen Lebens, indem er auf
eigene Faust dem falschen es gleichzutun beliebt. Wie aber beim Kurzschluß die
Funken sprühen, so kommunizieren blitzhaft Wahn und Wahn in der Wahrheit.
Kommunikationspunkte sind die schlagenden Bestätigungen der
Verfolgungsphantasien, die den Erkrankten damit äffen, daß er recht hat, und um
so tiefer nur ihn hinabstoßen. Die Oberfläche des Daseins schließt sogleich
sich wieder und beweist ihm, so schlimm sei es gar nicht und er verrückt. Er
antizipiert subjektiv den Zustand, in dem, unvermittelt, der objektive Wahnsinn
und die Ohnmacht des Einzelnen ineinander übergehen, so wie der Faschismus als
Diktatur Verfolgungswahnsinniger alle Verfolgungsängste der Opfer verwirklicht.
Ob daher ein überspannter Verdacht paranoisch sei oder realitätsgerecht, das
schwache private Echo des Tobens der Geschichte, läßt bloß nachträglich sich
entscheiden. Psychologie reicht ans Grauen nicht heran.