Integrative Behandlungsansätze - Alternativen
zur bundesdeutschen Psychose-Behandlung
Aus:
Volkmar Aderhold, Yrjö O.
Alanen, Gernot Hess, Petra Hohn (Hg.):
Psychotherapie der Psychosen
– Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien
edition psychosozial,
Psychosozial-Verlag, Gießen 2003
S. 68f
1)Der Patient soll in
Situationen, die ihn und seine Behandlung betreffen, anwesend sein. Er hat als
Experte für seine eigene Lebenssituation zu gelten. Wenn der Patient beteiligt
wird, so hilft ihm dies, seine Realitätskontrolle zurückzugewinnen. Es ist
Aufgabe der Mitarbeiter, Gespräche so zu moderieren, dass dies möglich wird.
2) Es werden regelmäßig
gemeinsame Treffen von Mitarbeitern mit Patienten, Familienangehörigen und/oder
anderen wichtigen Personen aus dem Netzwerk ihrer Beziehungen durchgeführt.
Dies beginnt mit einem intensiven anfänglichen Assessment, wenn der Patient in
die Behandlung kommt. Als sich herausstellte, dass diese Versammlungen für
viele Patienten eine bedeutsame therapeutische Wirkung hatten und die
psychotische Regression und den Bedarf an stationärer Behandlung reduzierten, bezeichneten
wir sie als »Therapieversammlungen« (Räkköläinen u. a., 1991).
3)Eine übergreifende systemische
Orientierung führten wir folgendermaßen ein: Wiederholte, gemeinsame
Erfahrungen von Patienten und allen Beteiligten, Beobachtungen und Hypothesen
in Therapieversammlungen und anderen Situationen führten zu einem gemeinsamen
Verstehensprozess im therapeutischen System (Alanen u. a., 1989, 1991). Das
Ergebnis dieses Prozesses nannten wir »Leitbildverfahren in der Behandlung«
(Aaltonen u. Räkköläinen, 1994, s.u.).
Den Ausbruch einer Psychose
fassen wir als interaktionelles Phänomen auf und deshalb legten wir nun den
Schwerpunkt auf familienzentrierte Interventionen und Familientherapie.
Gleichzeitig wurden mit einigen Patienten langfristige Einzeltherapien
durchgeführt. Die Familien- und Krisenorientierung lenkte die Aufmerksamkeit
auf die Lebenssituation des Patienten und seine gegenwärtigen Probleme. Eine
kurze Behandlungsdauer wurde bevorzugt, um die normale Entwicklung nicht zu
unterbrechen, nachdem eine Reformulierung in der Interaktion erreicht worden
war.
Verglichen mit den früheren
Nachuntersuchungen waren die Behandlungsergebnisse von Patienten, die mit dem
neuen interaktionellen Ansatz behandelt wurden, deutlich besser (Lehtinen,
1993b, 1994; vgl. auch Abschnitt zu den Ergebnissen). Gleichzeitig legten diese
Ergebnisse jedoch auch nahe, dass die Erwartungen an die doch relativ begrenzten
Interventionen für schwerer kranke Patienten zu optimistisch waren. Das
Bedürfnis vieler Patienten an längerfristigen Familien- und
Einzelpsychotherapien und an rehabilitativen Maßnahmen hatten wir unterschätzt.
Aus diesem Grunde und wegen der schädlichen Wirkung von Abbrüchen in der
therapeutischen Beziehung hielten wir einen vierten Grundsatz für
notwendig:
4) Die Kontinuität der
Behandlung soll gewährleistet werden (Lehtinen, 1993a). Es ist äußerst wichtig,
therapeutische Beziehungen aufrechtzuerhalten. Im Idealfall sollte das
Aufnahmeteam so lange wie möglich mit den Familien arbeiten. In manchen Fällen bedeutet
dies regelmäßige Familienkontakte, in anderen Fällen
seltenere, aber in Krisen und bei drohenden Rückfällen kurzfristig abrufbare
Hilfen.
S. 91f
Im Anschluss an die
diversen Forschungsprogramme und die Maßnahmen zur psychotherapeutischen Aus-
und Fortbildung etablierten sich sieben Hauptprinzipien der Behandlung:
Soforthilfe -
die erste Therapiesitzung arrangieren die Einheiten innerhalb von 24 Stunden
nach der ersten Kontaktaufnahme durch den Patienten, einen Verwandten oder eine
Institution. Hinzu kommt das Angebot eines Krisendienstes »rund um die Uhr«.
Mit dieser unmittelbaren Reaktion bezwecken wir u. a., nach Möglichkeit eine
Hospitalisierung zu vermeiden. Der psychotische Patient nimmt von Anfang an,
auch in der akuten Phase, an den Therapieversammlungen teil.
Orientierung im sozialen Netzwerk - außer den Patienten werden stets ihre Familien und
andere zentrale Bezugspersonen aus ihren Netzwerken zu den ersten
Therapieversammlungen hinzugezogen. Dabei geht es darum, Unterstützung für den
Patienten und die Familie zu mobilisieren. Weitere Bezugspersonen können
Vertreter staatlicher Behörden sein - bis hin zu Arbeitsamt und
Krankenversicherung, zu deren Aufgaben es gehört, die berufliche Rehabilitation
zu unterstützen -, Mitarbeiter oder Vorgesetzte des Patienten, aber auch
Nachbarn und Freunde.
Flexibilität und Mobilität - diese sind gewährleistet durch Anpassung der
Behandlung an die sich verändernden spezifischen Erfordernisse des Falls, wobei
auf die jeweils am besten geeigneten therapeutischen Methoden zurückgegriffen
wird. Die Therapieversammlung wird mit Zustimmung der Familie in der Wohnung
der Patienten abgehalten.
Verantwortung
- die erste Kontaktperson der Familie ist verantwortlich für die Ausrichtung
der ersten Versammlung. Hier wird über den Verlauf der Behandlung entschieden,
für deren gesamte Dauer das Team die Verantwortung übernimmt. Kontinuität der
psychologischen Betreuung - Zuständigkeit und Verantwortung des Teams
erstrecken sich über die volle Dauer der Behandlung sowohl im ambulanten als
auch im stationären Rahmen. Angehörige des sozialen Netzwerks des Patienten
sind während der gesamten Behandlungssequenz in die Versammlungen, und auch
wenn andere therapeutische Methoden gewählt werden, einbezogen. Man muss damit
rechnen, dass eine akute psychotische Krise zwei bis drei Jahren dauert
(Jackson u. Birchwood, 1996). 65% der in die Studie einbezogenen Behandlungen
wurde gegen Ende des zweiten Jahres ausgesetzt.
Ertragen von Unsicherheiten und offenen Fragen - gezielte Maßnahmen zur Stärkung des Vertrauens in
einen Prozess, der gemeinsam bewältigt werden
muss, werden ergriffen. Um in psychotischen Krisen den
Beteiligten ein hinreichendes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu
ermöglichen, ist mindestens während der ersten zehn bis zwölf Tage eine
tägliche Therapieversammlung erforderlich. Danach werden die Versammlungen,
den Wünschen der Familie entsprechend, in einem regelmäßigen Turnus
fortgesetzt. In der Krisenphase wird in der Regel kein detaillierter
Behandlungsvertrag geschlossen, aber es wird in jeder Therapieversammlung
diskutiert, ob und wann die nächste stattfinden soll. Auf diese Weise werden
vorschnelle Einschätzungen und überstürzte Entscheidungen über den weiteren
Behandlungsverlauf vermieden. So wird beispielsweise während der ersten
Therapieversammlung auf keinen Fall ein Neuroleptikum verordnet; ob ein Einsatz
von Neuroleptika angezeigt ist, sollte bei mindestens drei Besprechungen vor
der Anwendung diskutiert werden.
Dialogismus
- Der Schwerpunkt liegt primär auf der Förderung des Dialogs und erst an
zweiter Stelle auf Veränderungen, die beim Patienten oder in der Familie
angezeigt sind. Der Dialog wird verstanden als ein Forum für Familien und
Patienten, wo man in Diskussionen über Probleme eine größere Kompetenz für die
eigene Lebensgestaltung erwerben kann (Haarakangas, 1997; Holma u. Aaltonen,
1997). Die Dialogpartner gelangen zu einem neuen gegenseitigen Verständnis
(Bachtin, 1984, Woloshinow, 1996, Andersen, 1995). Die beiden letztgenannten
Konzeptpunkte gelten seit 1994-96 als Richtlinie im Projekt (Seikkula u. a.,
1995).